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„Maria Anna Catharina Angelica Kauffmann – natürlich erinnere ich mich an sie. Das ist nicht der Ort auf Gottes Erde,
wo man etwas vergisst.“ Der Pfarrer wendet sich um und geht durch den Flur ins Haus zurück. Ich schließe die Haustür
und folge ihm. Es war leicht, den alten Mann zu finden; er wohnt noch immer im Messnerhaus neben der Kirche. „Ich habe
nicht gewusst, wo Schwarzenberg ist, als ich mich vor fast fünfzig Jahren um die Stelle in dieser Gemeinde bewarb.“
Ich trete hinter ihm in eine niedrige Stube, in einer Ecke steht ein gelblicher Kachelofen. „Einer der Seminaristen
sagte: ‚Im Wald’, und es klang wie ein Scherz.“ Der Pfarrer setzt sich in den Sessel neben dem Fenster.
Ich erinnere mich, wie ich selbst zum ersten Mal auf der Passhöhe oben stand. Ich hatte schon damals ein Auge für
Landschaften. Sie prägen sich mir tiefer ein als die Gesichter der Menschen, und wenn ich wählen könnte, würde ich
nichts anderes malen. Wie in einer Schüssel lag der Wald auf allen Seiten von Bergen umgeben, die Lichtungen mit
den Wiesen darin, den Weiden, dem Dorf. Die neuen Dächer waren noch nicht zu erkennen, die mit Ochsenblut
bestrichenen Holzbalken.
„Und was wollt Ihr wissen?“
„Ich möchte ... ich war ...“
Seit dem Abend vor ein paar Wochen, an dem Maria mich überzeugte, hierherzukommen, habe ich mir ausgemalt, wie ich mit
dem Pfarrer reden würde. Doch nun weiß ich plötzlich nicht, wo ich anfangen soll.
„Angelica ... “ Die Sonne blendet durchs Fenster. „Als sie hier in der Kirche arbeitete, da war ich ... “ Der Pfarrer hat
mich nicht erkannt, und ich komme mir plötzlich vor wie ein Betrüger. Warum sollte er mir helfen? Wie käme er dazu, der
berühmten Malerin meiner Tochter wegen zu schreiben? Es ist still in der Stube.
„Ihr kennt Angelica schon lange?“, frage ich in meiner Verlegenheit.
Der Pfarrer rückt sich in seinem Sessel zurecht. „Sie war jung, als ich sie zum ersten Mal sah, fast noch ein Kind. Das
wenigstens dachte ich, als sie neben ihrem Vater in der Kirche stand.“ Johann – ich hätte mit Johann beginnen sollen.
„Aber ich war selbst noch jung zu jener Zeit. Zwei Jahre zuvor hatte ich im Unterland Primiz gefeiert, meine erste Messe
gelesen ...“ Ich nicke. „Im gleichen Herbst brannte das Dorf hier. Die Leute waren auf den Vorsäßen mit ihrem Vieh.
Ein paar Fahrende hatten sich in einem der Stadel eingenistet, ein Feuer entfacht. Der Föhn trug die Funken von Hof zu Hof.“
Ich kenne die Geschichte.
„Die Wenigen, die im Ort geblieben waren, hatten nicht genug Hände, um ihre Habe zu retten und den Brand zu löschen.
Sechzehn Häuser mit Ställen, Scheunen und die Kirche gingen in Flammen auf. Die Glocken schmolzen im Turm und flossen
durch Mörtel und Mauerwerk. ‚Ach Straf, ach Schmerz, ach Schaden’, schrieb Barthel Mayer in seine Chronik“, der Pfarrer
deutet auf die Bücher auf dem Tisch. „Barthel selbst hatte als Mitmeister zehn Jahre zuvor die Kirche neu gebaut. Das
Messnerhaus blieb unversehrt, aber der Vikar sah das Feuer jede Nacht im Schlaf.“
Ohne die Aufforderung des Pfarrers abzuwarten, setze ich mich auf den Hocker neben dem Tisch.
„Viele bewarben sich um seine Stelle. Die Leute im Dorf begannen sofort mit dem Wiederaufbau, und noch vor dem Frühling
hatten sie die Kirche frisch gedeckt. Da brach ein Unwetter herein, verwüstete Felder, Wiesen, Wege, riss Brücken nieder,
die Baugerüste. Als die Stelle des Vikars zum zweiten Mal ausgeschrieben wurde, bewarben sich weniger. Ich dachte, ich
sei dazu auserkoren, den Heimgesuchten beizustehen. So jung war ich damals noch.“
Der Pfarrer spricht in dem singenden Tonfall, den die Leute hier haben, den auch Angelica hatte, wenn sie Deutsch sprach
„Und da stand eines Morgens das Mädchen in meiner Kirche. Nicht zierlich, aber zerbrechlich erschien sie mir, in ihrem zu
engen Seidenkleidchen, mit dem schwarzen Samtband um den Hals.“ (Seiten 17 – 19)
Von allen Menschen aber, die er in Rom traf, schrieb John Morgan, sei ihm niemand so lieb geworden wie Angelica Kaufman.
Mein Herz pochte, als ich endlich ihren Namen las. Schon in seiner Herberge in Florenz hatte man John Morgan empfohlen,
sich von der jungen deutschen Malerin porträtieren zu lassen. Nach der Accademia Clementia hatte die florentinische
Accademia del Disegnio, die älteste Italiens, sie als Ehrenmitglied aufgenommen – trotz ihrer Jugend und ihres Geschlechts
–, und seit ein paar Wochen gehörte sie auch der Accademia di San Luca an. ‚Sie malt alle Engländer in Rom’, schrieb Morgan.
David Garrick, den er in London im Drury Lane Theater als Macbeth gesehen hatte und der sich nun ebenfalls in Italien
aufhielt, saß in Neapel für sie. Ein ungewöhnliches Porträt, urteilte der amerikanische Arzt. Der berühmteste Schauspieler
der Welt lehnt sich wie ein Schankwirt über die Rückenlehne eines Stuhls und betrachtet die Malerin mit einem fast
anzüglichen Lächeln. Er trägt einen rotbraunen Rock, sein Kopf ist bittend geneigt, und seine breiten, kräftigen Hände
umklammern die Lehne, als müsse er sich festhalten.
Das Bildnis von Johann Joachim Winckelmann, an dem die Malerin noch arbeitete, gefiel John Morgan besser. Winckelmann,
erklärte er mir, war der größte Kenner der Antike, ihm unterstanden alle Altertümer in Rom. Der Gelehrte sitzt über ein
Buch gebeugt, die Feder in der rechten Hand. Sein schmales Gesicht ist ernst, sein Blick in die Ferne gerichtet.
Den gelben Schal, den er über seinem schlichten Rock um den Hals geschlungen hat, und seine weißen Spitzenmanschetten,
schrieb John Morgan, waren tadellos gearbeitet; und unterhalb des Buches wird ein Relief der drei Grazien zu sehen sein –
ein Hinweis auf eine Abhandlung über die Grazie in der Kunst, die der Gelehrte verfasst hatte. John Morgan wollte sich
von Angelica porträtieren lassen, doch gleich bei der ersten Begegnung bemerkte er, dass die junge Malerin auch seiner
Dienste bedurfte.
‚Mit meinem geübten Auge’, schrieb er, ‚erkannte ich die Mattigkeit in ihrem blassen Teint, die Magerkeit in ihrer zarten
Erscheinung. Bereits in London habe ich die Anatomie der Frau studiert. Doktor Hunter, mein Lehrer, ist inzwischen
ärztlicher Berater der englischen Königin mit ‚sole direction of Her Majestys health as a child-bearing Lady’, und wir
haben auch in anderen Bereichen zusammengearbeitet.’ Deshalb sah John Morgan es als seine Pflicht an, die liebenswerte
Angelica auf ihr Befinden anzusprechen, und nachdem sie ihre verständliche Scheu überwunden hatte, gestand sie ihm, dass
sie sich nicht wohlfühle. Seine Befragung, die das Schickliche in keiner Weise überschritten und während der er, wie er
mir versichern könne, sie durch nichts in Verlegenheit gebracht habe, zeigte, dass der Sitz ihres Leidens im Magen war
und sich auf eine Störung der Verdauung zurückführen ließ, die ‚from her sedentary life and close application to painting’
rührte. Angelica beschrieb ihm, wie sie sich schon als junges Mädchen angewöhnt hatte, am Tag gar nichts oder nur ein paar
Früchte zu essen, um ihre Arbeit in den Galerien und Kirchen nicht unterbrechen zu müssen. Nun plagten sie saure Säfte in
der Nacht, Übelkeit während des Tages.
John Morgan verschrieb ihr ein Laxativum und ein Tonicum, nahm ihr das Versprechen ab, mittags etwas zu essen, und jeden
Tag einen Spaziergang zu machen. Er erläuterte Angelica, dass auch die Umstände, in denen der Mensch seine Nahrung zu sich
nehme, von Bedeutung seien, der Ort, die Gesellschaft, ja sogar die Verfassung der Seele. Er erzählte ihr, wie er als junger
Fähnrich im Krieg gegen die Franzosen, von ein paar Gefährten verführt, die Hühner des Obersten geschlachtet habe, deren
Eier die karge Kost der Offiziere ergänzte, und wie sein Magen ihm über Tage seinen Eigennutz vorwarf. Eine kleine Geschichte,
schrieb Dr. Morgan, bleibe dem Patienten oft besser im Gedächtnis als lange, gelehrte Ausführungen. Danach sprachen sie nicht
mehr von Angelicas Befinden. Er wollte sie nicht bedrängen, so schicklich und bescheiden wie sie war, und schon bei der
nächsten Sitzung für sein Porträt sah er, dass seine Diagnose richtig gewesen war: es ging ihr besser.
Eine Magenverstimmung. Angelica hatte oft über das Essen geklagt, das wir in unseren Herbergen bekamen. Es war ihr zu schwer,
zu fett, zu salzig und manchmal aß sie über Tage nichts, als habe sie es sich abgewöhnt. Eine Weile hatte ich sie zu überreden
versucht, etwas zu sich zu nehmen, doch je mehr ich sie drängte, umso entschiedener schob sie die Teller von sich. Johann ließ
sie gewähren, als wäre auch das nur eine Marotte von ihr, so wie der Turban, den sie eine Zeitlang trug, die bestickten Schuhe,
die sie heimlich kaufte.
Angelicas Studio, berichtete der Doktor, war nicht weit vom Caffè Inglese entfernt, ein heller Raum, aber nicht sehr groß, und
mit den Etageren voll Fläschchen, Schalen, Büchern, Tüchern, Pinseln und Schabern kam es John Morgan kaum anders vor als das
Arbeitszimmer eines Apothekers oder Arztes. Allein, John Morgan war es nicht gewohnt, selbst untersucht zu werden ...
Der prüfende Blick. Angelica hatte gelernt, ihn mit Demut zu verschleiern, den Kopf gefällig zu senken; manchmal lächelte sie
sogar. Aber wenn sie malte, brauchte sie ihn. Sie musste das Gesicht des Gegenübers studieren, sehen, was seine Züge
offenbarten, was sie verbargen. John Morgan war noch nie auf diese Weise betrachtet worden – nicht von einer Frau.
Er schrieb, dass ihr Vater stets im Studio anwesend sei, und ich las auch Erleichterung in seinen Worten.
Angelica unterhielt sich mit ihren Auftraggebern, während ihr Stift über die Leinwand glitt.
Ihr Englisch war nicht besonders gut, doch es reichte, und bald stellte sich heraus, dass
die Malerin und der Arzt vieles gemeinsam hatten.
John Morgan hatte seine Mutter als Kind verloren, und in seinem dreizehnten Lebensjahr war auch sein Vater gestorben.
Morgan wusste, was es hieß, von Jugend an für sich selbst und andere zu sorgen. Hatte er sich als Ältester nicht um
seine Geschwister gekümmert? Ganz Rom redete davon, dass Angelica ihren Vater ernähren musste. Mehr noch als die
Vergangenheit jedoch verband die Gegenwart sie. Mit der Gewissenhaftigkeit, die den Deutschen – und den Amerikanern –
eigen war, widmeten sie sich ihrer Arbeit; und, so schrieb John Morgan, Angelica und er waren beide von einem großen
Ziel beseelt. Er erzählte ihr, dass er beschlossen hatte, nach seiner Rückkehr am College von Philadelphia eine
medizinische Fakultät zu gründen, die erste in der Neuen Welt. Der Unterricht dort würde den höchsten Grundsätzen
folgen, die Mediziner klar von Chirurgen und Apothekern trennen, und ihre Absolventen würden sich nicht herablassen,
ihr Einkommen durch den Verkauf von Salben und Pulvern aufzubessern. John Morgan würde nicht nur der beste Arzt
Amerikas sein, er würde auch die besten amerikanischen Ärzte ausbilden.
Ich erinnerte mich an die kleinen Fragen, mit denen Angelica die Leute, die für sie saßen, zum Reden brachte. Es ist
einfacher, jemanden zu porträtieren, dessen Züge entspannt sind. Sie erzählte Morgan, wie sie in Florenz, in der
Galerie Gerini, während sie ein Selbstbildnis von Rembrandt kopierte, beschlossen hatte, sich nicht mit der Nachahmung
der Großen zu begnügen. Sie würde selbst nach Meisterschaft streben. Was immer es an Arbeit, Ausdauer und Aufopferung
brauchte, würde sie auf sich nehmen, um ihre Bilder vollkommen zu machen.
John Morgan war beeindruckt von Angelicas Ehrgeiz, wunderte sich, dass ‚die zarte Person’ so viel zu leisten vermochte,
als wäre der Wille eine Frage des Körperbaus. Angelica zeigte ihm ein Gemälde, das sie eben fertig gemalt hatte; es war
kein Porträt. Eine junge Frau lehnt gegen eine Felswand. Der Wind zerrt an ihrem geflochtenen Haar, das weiße Kleid ist
ihr von der rechten Schulter gerutscht, und in der linken Hand hält sie ein Tuch, mit dem sie ihre Tränen trocknet.
Vor ihr steht ein Mann mit einem Kranz aus Weinlaub im Haar, einem von Efeu umwickelten Stab in der Hand. Er trägt eine
rote Toga, unter der ein Pelz zu erkennen ist. Überrascht aber auch freudig beugt er sich vor, streckt die Hand nach
der Weinenden aus. Angelica erklärte John Morgan, dies sei Ariadne, die auf einer Insel verlassen von Bacchus gefunden
werde; und tatsächlich war im Hintergrund ein kleines Stück Meer zu sehen.
Ich erkannte die Trauernde in dem weißen Kleid. Mit einem Faden hatte Ariadne den Geliebten, nachdem er den Minotaurus
getötet hatte, aus dem Labyrinth des Ungeheuers gerettet. Doch Theseus ließ sie schlafend auf der Insel Naxos zurück,
segelte allein nach Athen ‚... sie will ihn halten, sich halten lassen ...’. ich erkannte auch den wortbrüchigen Helden.
Mit zitternden Händen las ich weiter.
Das Gemälde war nicht gelungen, entschied John Morgan. Die Frau erwecke zwar Mitleid, trotz ihres schiefen Gesichts,
aber der Mann stehe unsicher auf seinen Füssen, nicht wie ein Gott der Natur, und über seine nackte Schulter, seinen
Arm breite sich ein seltsamer Schatten. Der Musculus biceps brachii scheine mit dem Musculus triceps den Platz gewechselt
zu haben, während der Musculus deltoideus ... Ich übersprang die lateinischen Namen. Der sichtbare Teil des Körpers,
schloss der Arzt, sehe aus wie ein schlecht gestopftes Kissen.
(Seiten 83 – 89)
„In der Wirklichkeit wimmelt es von Enttäuschungen.“ Der Sprechende saß zurückgelehnt im einzigen Polsterstuhl des Salons.
Er hatte eine gebogene Nase, einen breiten Mund, weißes, sorgsam gepudertes Haar und in seinen blauen Augen schien sich
das Silber der Leuchter zu spiegeln. Landolt hatte uns den anderen Gästen vorgestellt, und wir hatten auf den beiden
freien Stühlen Platz genommen. Die Zofe brachte ein Tablett mit zwei Gläsern. Der Weißhaarige musterte Maria. Überrascht
spürte ich die Süße auf meiner Zunge, als Landolt uns zutrank; es war Holunderblütensirup, und die blattlosen Büsche im
Vorgarten fielen mir ein. Jemand sagte etwas, das wie ein Zitat aus einer Predigt klang. Landolt war Pfarrer, oder
Pfarrer gewesen.
„Das Leben ist schnell, die Kunst ist langsam“, meinte der Weißhaarige im Polsterstuhl nachlässig. „Unsterblichkeit muss
mit großen Opfern an Zeit bezahlt werden.“ Er trug – nach wertherscher Manier – eine gelbe Weste unter seinem dunkelgrünen
Rock, der einzige Farbfleck im Salon. Ich ärgerte mich, dass ich nicht aufgepasst hatte, als Landolt seinen Name nannte.
Er musste ein Schreiber, ein Dichter sein.
Die Unterhaltung drehte sich um Italien, und eine der Damen fragte nach Herkulaneum. Der Dichter erklärte, die Ausgrabungen
dort seien eingestellt worden, weil giftige Gase aus den Schächten strömten. Es war einfacher und ungefährlicher, die Schätze
von Pompeji zu bergen, die nicht unter zwanzig Metern versteinerter Asche begraben lagen. Ich betrachtete das geschnitzte
Mobiliar, das vor meinen Augen zu wachsen schien.
„Und die wichtigsten Erkenntnisse lassen sich inzwischen in jeder Bibliothek nachlesen“, ergänzte Landolt.
„In den Werken des großen Winckelmann“, fügte eine der Damen versonnen hinzu. Einen Moment lang herrschte Schweigen, und ich
überlegte, was den Frauen an dem deutschen Gelehrten so gefallen hatte.
„Groß!“, entfuhr es dem Dichter, und ich merkte, dass die Augen der andern auf ihn gerichtet waren. „Es ist nichts Großes daran,
sich von einem Kneipenkoch für ein paar Goldstücke erstechen zu lassen.“ Das Gesicht des Dichters war rot angelaufen.
„Es waren Medaillen, die er von Kaiserin Maria Theresia bekommen hatte“, warf eine andere der Damen weinerlich ein. Sie konnte
die Tochter oder die Schwester der ersten sein. Unter den dunklen Hauben war ihr Alter kaum zu schätzen. Winckelmanns gewaltsamer
Tod in Triest lag etliche Jahre zurück.
„Seine Gedanken werden alles überdauern“, meinte die erste Dame.
„Er hat nur zusammengetragen, was andere vor ihm gedacht haben“, entgegnete der Dichter trotzig, „ein Buchhalter der Antike.“
„Er hätte sich gegen den Schurken wehren sollen“, stellte einer der Herren fest und legte die Hand auf den Knauf des Degens, der
an seinem Stuhl lehnte.
„Falls er sich wehren konnte“, warf sein Nachbar ein.
„Niemand ist sicher vor dem Angriff des Bösen“, erklärte Landolt überlegen.
„‚... so mannigfaltig prächtig und schön erheben sich hier schwellende Hügel von Muskeln, um welche sich oft unmerkliche Tiefen,
gleich dem Strom des Mäanders, krümmen, die weniger dem Gesichte als dem Gefühl offenbar werden’“, zitierte der Dichter mit erhobener
Stimme.
Der Herr mit dem Degen grinste. „Sie meinen, der große Gelehrte war ...?“
Landolts Frau, eine dürre, in steifen, schwarzen Damast gekleidete Person, wandte sich eifrig an Maria, und die Damen begannen unter
sich zu reden.
„Keinem ist es je gelungen, sich selbst zu entrinnen“, erklärte der Dichter. „Man muss seine Schriften nur lesen, um zu merken, wie
gern der Schustersohn den jungen Spartanerinnen in Elis unter die kurzen Röcke geschaut“ – die Herren begannen zu schmunzeln – „und
die ‚nackten, von allen überflüssigen Ansätzen freien männlichen Konturen’ befühlt hätte.“
Landolt räusperte sich warnend.
„Hatte er nicht einen ganz eigenartigen Namen?“, warf Maria unvermittelt ein, die sich dem Gespräch der Damen offenbar entzogen hatte.
„Winckelmann?“
„Nein, sein Mörder.“ Nun ruhten alle Augen auf ihr.
Der breite Mund des Dichters verzog sich spöttisch: „Arcangeli.“
„Erzengel?“, wiederholte eine der Damen ungläubig.
„Ein Erzengel hat ihn umgebracht?“, schauderte die andere.
„Mit sieben Stichen“, bestätigte der Mann mit dem Degen.
„Im Grunde war er Heide, nicht wahr?“, meinte Landolts Frau.
„Ein konvertierter Katholik“, verbesserte ihr Mann.
„Und Sie meinen, sein Tod sei die Strafe für seine ...“, fragte die schaudernde Frau begierig.
„Wir können zu Tisch!“, unterbrach Landolt sie und erhob sich mit einem kleinen Ruck. Beschämt eilte seine Frau voraus, um den
Bediensteten Anweisungen zu geben. Wir folgten dem Hausherrn, einer dem anderen mit höflichen Verbeugungen den Vortritt lassend.
Erst als er sich aus dem Polsterstuhl erhob, sah ich, dass der Dichter mir kaum bis zur Schulter reichte.
Der Raum, in dem wir aßen, war noch dunkler als der Salon, und im ersten Moment suchte ich nach Fenstern. Sie waren von schweren
Vorhängen umrahmt, führten in ein Tannendickicht. Die Tafel war mit weißem Linnen gedeckt, Silberbesteck, in dessen Griffe das
Wappen des Hausherrn eingraviert war, Gläser aus böhmischem Kristall. Mein Mut sank, als ich sah, dass ich am unteren Ende des
Tisches dem Dichter gegenübersaß. Die Zofe brachte eine Suppenschüssel herein, ein junger Bursche füllte die Gläser. Er musste
der Sohn des Hauses sein, die Gäste lobten ihn. Landolt am Kopf der Tafel prostete uns zu; er selbst trank aus einem silbernen
Becher. Diesmal war es Wein, ein junger, gäriger, der einen bitteren Geschmack im Mund zurückließ. Der Dichter und ich schwiegen.
Seine Hand zitterte, wenn er nach dem Glas griff; er schien mir mit einem Mal schüchtern.
„Sie sind lange in Rom gewesen?“, fragte ich vorsichtig.
„Zu lange“, er warf einen abschätzigen Blick auf den Wein, „wie Winckelmann.“ Die Hitze stieg mir ins Gesicht; würde er von neuem
über den Ermordeten herziehen? Doch mein Gegenüber lächelte nur wehmütig. „So lange, dass mir die Heimat unerträglich erscheint,
obwohl ich mich all die Jahre nach ihr gesehnt habe.“
„Sie sind in Zürich geboren?“, erkundigte ich mich, obwohl ich es seinem Dialekt anhörte.
„Ja, am 6. Februar 1741, in einem verflucht kalten Winter, wie Sie an meiner winzigen Statur und verqueren Natur ablesen können.“
Er sagte es so ernst, dass ich nicht zu lachen wagte.
„Es muss etwas besonderes sein, hier aufzuwachsen, mit dem See, den Bergen. Wo sonst auf der Welt ... “
„Die Landschaft, gewiss“, unterbrach er mich, „aber die Menschen ...“ Seine Stimme wurde zu einem Flüstern: „Die Schweizer!“ Er blickte
verschwörerisch um sich. Die Gesellschaft rund um den Tisch löffelte mit mürrischen Gesichtern ihre Suppe; ich grinste.
„Sie haben selbst in Italien gelebt“, fügte er wieder lauter hinzu.
„Nur in Mailand“, antwortete ich.
„Das ist gesünder.“
Ich betrachtete ihn fragend, und er hielt mir seine zitternde Hand hin: “Das Fieber. Auch meine Haare sind dabei weiß geworden; und
ich habe noch Glück gehabt.“ Ich versuchte ihn mir mit braunen Haaren vorzustellen, oder rotblonden. Er war jünger als ich.
„Und nun leben Sie in Deutschland?“ fragte er weiter.
„Ja.“ Er schien einiges über mich zu wissen. Die Zofe räumte die Suppenschüssel ab und brachte neue Teller. „Wegen eines Auftrags bin
ich vor vielen Jahren nach Mainz gegangen und geblieben. Friedrich von Erthal hat mich zum Hofmaler ernannt, so dass Maria und ich
im letzten Sommer heiraten konnten, und nun ...“ Mein Leben klang banal.
„Ich werde nach London zurückkehren“, erklärte der Weißhaarige unvermittelt, während er auf der Platte, die ihm die Zofe hinhielt,
nach einem passenden Bratenstück suchte. „Reynolds sagte, ich müsse nur ein paar Jahre nach Italien gehen, um der größte Maler meiner
Zeit zu sein.“ Es klang stolz und abfällig zugleich, und plötzlich wusste ich, wer er war.
Maria hatte mir von Heinrich Füssli erzählt. Er war der Sohn des Porträtmalers Füssli, der auch Schriftsteller und Verleger war, die
Geschichte und Abbildung der besten Maler in der Schweiz herausgegeben hatte. Seine Söhne hatten seine Talente geerbt, der eine war
Bibliothekar in der kaiserlichen Akademie in Wien, der andere ein angesehener Insektenforscher. Heinrich hätte Pfarrer werden sollen,
doch kurz nach seiner Ordination hatte er Zürich wegen eines Pamphlets verlassen müssen. Er hatte in Deutschland gelebt, in London
als Hauslehrer, Übersetzer, dann in Rom. Er hatte die Werke Winckelmanns ins Englische übertragen, und er zeichnete.
Ich habe gesehen, wie A.s Züge sich glätteten, als sie dem Baron zum ersten Mal gegenüber stand, wie sie seinem Blick ausweichen
musste; und da war ihre fast ungehörig helle Stimme, wie früher, wenn sie mit Winckelmann sprach. Allein, wer von uns war nicht
auf die eine oder andere Weise in Winckelmann verliebt, den ernsten, in die Ferne gerichteten Blick seiner braunen Augen, seinen
breiten, geschwungenen Mund, die schmalen Gelehrtenhände. Halb Rom wusste, dass die schöne Margarita Mengs sich für ihn auszog,
während ihr Mann sich am Hof in Madrid zu Tode malte, obwohl Winckelmann Frauen ja nur als Variation seines männlichen Ideals
betrachtete ...“
Die Liebe ‚zu den zarten Knaben’, die Orpheus die thrakischen Männer lehrte. Lieben wir nicht stets das am meisten, was uns
ähnlich ist? Ich erinnere mich an unser Gelächter. Eine Miene, ein Blick genügte. Angelica und ich spürten, was den anderen
bewegte; mit niemandem sonst habe ich dieses Lachen geteilt.
„ ... und wäre ich selbst in Rom geblieben ohne Winckelmann?
Er brachte mich dazu, diese Stadt zu lieben, mich in ihr einzunisten, und noch jetzt gehen mir seine Worte durch den Kopf, wenn
ich meinen Besuchern ihre Schätze zeige. Jeder Straßenhändler schimpft sich heute Cicerone, doch nicht Geschwätzigkeit, sondern
Leidenschaft macht einen guten Führer, und Winckelmann verdiente wie kein anderer, nach dem großen römischen Redner genannt zu
werden. Winckelmann lehrte uns, das Schöne nicht bloß zu sehen, sondern es auch zu empfinden. ‚Nur Herzen können Herzen
durchdringen’, sagte Füssli später, und ich wusste sofort, das war Winckelmanns Satz. Wäre A. so erfolgreich geworden, hätte er
sie in jenen frühen, unbeständigen Jahren, in denen die Männer sich um sie scharten, nicht zur stillen Betrachtung angehalten?
Sie muss, jung wie sie war, von Winckelmanns Neigung gewusst haben, während sie ihn porträtierte, von Margerita und den anderen
Frauen, die ihn mit allen Mitteln davon abzubringen versuchten, und den obskuren Geschichten, in die er verwickelt war.
Dennoch ist A. bis heute seinen Grundsätzen treu geblieben, und wenn ich sie abends in durchschimmernde Schleier gehüllt in
ihrem Salon sitzen sehe, muss ich unweigerlich an den Satz über die Grazie denken, die wir, wie Winckelmann schrieb, nicht in
Galakleidern sondern ‚im leichten Überwurf kürzlich aus dem Bette erhoben, zu sehen wünschen’.“
Jung wie sie war, muss Angelica geahnt haben, dass sie sich mehr als jeder Knabe, mehr als jede andere Frau durch ihre Bilder
mit ihren Geliebten verband – dem Sänger, dem Gelehrten und nun dem Baron.
Ich weiß, was auf den nächsten Seiten des Büchleins steht; die ganze Welt weiß es. Einige Monate lebte Goethe nach seiner Rückkehr
aus Sizilien noch in Rom, dann verließ er die Stadt und ließ Angelica zurück. Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn das Licht,
das die Liebe auf unser Leben wirft, allmählich erlischt, zu einem Fleck in unserer Erinnerung schrumpft. Es gab Momente, in
Mailand und auch später, in denen ich mir wünschte, Angelica würde das quälende Nagen in ihrer eigenen Brust fühlen – wenn nicht
für mich, dann für einen anderen. Es gab Momente, in denen ich Gott und den Teufel um Gerechtigkeit bat. Doch heute? Ich will der
kleinen, fülligen Frau, die der Pfarrer zuerst für die Zofe hielt, als sie auf dem Dorfplatz von Schwarzenberg aus der Kutsche
stieg, nichts Böses. Warum soll ich noch weiter lesen?
„Der Baron bedankt sich in seinem Brief auch für A.s Zeichnung zu Iphigenie, findet den Gedanken, den Moment darzustellen, in dem
Orest sich in der Nähe der Schwester und des Freundes wiederfindet, glücklich, lobt die Einfühlsamkeit der Umsetzung, und dass
diese Szene ja tatsächlich die Achse des Stückes sei. Nach unserem ersten Besuch in A.s Atelier sagte er, sie habe ein unglaubliches,
ja für eine Frau wirklich ungeheures Talent, und dass man sehen und schätzen müsse, was sie mache, nicht, was sie zurücklasse.
Ich wandte ein, dass die Arbeiten der meisten Künstler nicht standhielten, wenn man sie danach beurteile, was alles fehle.
Am Schluss des Briefes erwähnt der Baron, dass er sich von Tischbein, der in Neapel bleiben wolle, trennen und mit Kniep, dem
Landschaftszeichner, nach Palermo weiterreisen werde.“
Eine Aufstellung von Beträgen, die Tischbein Reiffenstein schuldet. Ich blättere weiter. April, Mai. Etwas über ein Bild, das
Angelica kauft, eine Kreuzabnahme von Volterra, die in einem Kloster gefunden wurde. „A. will es im großen Saal. Der Merkur
muss weg, Venus und Adonis kommen neben Ganymed und Apollino. Das Gemälde soll in seinem Kasten bleiben, damit nur die es
sehen, die sehen können.“
Juni: „Der Baron ist wieder in Rom, nachdenklicher, nur noch an der Natur interessiert, redet von der großen Schule, in der
sein Können langsam reife. Sizilien, sagt er, sei der Schlüssel zu allem. Tischbein malt ihn (lebensgroß, in langem, weißem
Reisecape, einem schwarzem Hut – ein ähnlicher wie Z. gewöhnlich trägt –, Krempe zurückgeschlagen, auf einem umgestürzten
Obelisk lehnend, Campagna im Hintergrund). Das klassische Profil gibt dem Baron Würde, der rückläufige Haaransatz über der
Schläfe Alter. Die Weimarer werden es mögen. Er meint, das Bild müsse jedem gefallen, wenn es auch zu groß sei für nordische
Wohnungen. A.s Porträt hingegen behagt ihm nicht. Nicht mehr als einen hübschen Burschen sieht er darin, keine Spur von sich.
A. ist betrübt. Sie will ihm gefallen, aber er gefällt sich selbst nicht. Sie fürchtet, den Baron verärgert zu haben. Ich
kann ihr nicht sagen, dass er zu wenig von ihrer Malerei hält, um sie wegen des Bildes zu meiden, wird es in seinen Augen
doch nur bestätigen, was ihr zum großen Maler fehlt. Sie beklagt ihr Versagen, das im Grund ihr Können ist. So wie Winckelmann
hat sie den Baron in seiner Ähnlichkeit vollkommener dargestellt.“ (Seiten 153 – 157)