Romane Kinderbücher Weitere Publikationen Leseproben News & Termine Links & Kontakt

Die griechische Kaiserin

Die Hebamme

Im Schein eines goldenen Kerzenleuchters lag eine Frau – viel zu jung für den Bärtigen, dachte ich – auf Kissen gebettet, unter einer Decke, die in allen Farben schimmerte. Daneben kauerte eine Magd mit einem Neugeborenen im Arm. Ich atmete auf. Das Kind schlief; es war sehr klein, aber ein rosiger Hauch lag auf seinen Wangen. Die Magd nickte auf meine Frage: Es war ein Mädchen. „Das vierte„, sagte sie.
Eine Bewegung auf dem Lager lenkte meine Aufmerksamkeit vom Kind zur Mutter. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt, die Decke bebte.
„Die Wehen hören nicht auf“, klagte die Kindsmagd.
Ich sah sofort, dass es nicht die Nachgeburt war, die den Leib der Gebärenden krümmte. Ich kniete nieder und betastete den Bauch.
„Es sind zwei„, erklärte ich. Und das zweite Kind hatte sich nicht gedreht. Sein Kopf lag genau unter dem Herz der Mutter.
„Du musst mir helfen„, flüsterte ich der Gebärenden zu und schob die Decke zurück. Der vertraute Geruch stieg mir entgegen, die Laken waren blutdurchtränkt. Was würde der Bärtige tun, wenn das zweite Kind tot zur Welt kam, wenn die junge Frau stürbe? Ihr schwarzes Haar war nass von Schweiß.
„Könnte es ein Junge sein?„, fragte sie, während ich ihr half sich aufzurichten und mich zwischen ihre Beine hockte.
„Das weiß nur Gott„, murmelte ich.
Was dann geschah, verliert sich in meiner Erinnerung in einem fiebrigen Flimmern. Ich hatte gehört, dass man ein Kind im Bauch der Mutter drehen konnte, aber ich kann nicht mehr sagen, was ich tat. Ich wusch Hände und Arme im heißen Wasser, das man mir brachte, und rieb mich bis zu den Ellbogen mit Salbe ein. Die Frau gab keinen Laut von sich. Ich sah, wie ihre Finger sich in die Decke krallten. Trota, meine Lehrmeisterin, sagte, auch die Frau werde in der Geburt geboren, ihr Wesen offenbare sich dann. So zart der Körper der Kreißenden war, so stark war ihr Wille, und sie fürchtete sich nicht. Endlich strömte die klare Flüssigkeit auf das blutverschmierte Laken, die Wehen wurden stärker, der kleine Kopf erschien, ein faltiges Gesichtchen. Es schrie, es lebte; es war ein Junge.
In jeder Geburt steckt ein Funke der göttlichen Schöpfung, sie bleibt unfassbar wie der Tod, und der Beginn eines Lebens erfüllt uns stets mit Hoffnung und Zuversicht. Nie zuvor aber hat eine Niederkunft eine solche Freude entfacht. Dem bärtigen Jakob vor dem Zelt liefen die Tränen über die vernarbten Wangen, die Männer jubelten, das ganze Land. (Seiten 10 – 11)

Heute kommt es mir vor, als hätte ich schon Jahre vor der Niederkunft im Wald, als ich den fremdländischen Namen zum ersten Mal hörte, geahnt, dass diese Frau mein Leben verändern würde. Aber wie ich mit ihr, den zwei Neugeborenen, der Kindsmagd im Wagen saß, wusste ich nicht mehr über sie als jeder: dass sie eine Prinzessin war, die man aus dem Osten geholt hatte, um sie mit dem Sohn unseres Kaisers zu verheiraten. Damals lebte Otto der Große noch, und man sagte, er habe in seiner Weisheit beschlossen, das Reich, das seit Jahrhunderten geteilt war, wieder im Blut einer Linie zu vereinen. Er verhandelte mit den Kaisern von Konstantinopel, und trotz deren Doppelzüngigkeit gelang es ihm, eine Braut für seinen Sohn zu bekommen. Nicht alle billigten das. Als sich herausstellte, dass die Prinzessin, die man unserem Kaiser gesandt hatte, keine Tochter, sondern nur eine Nichte des Herrschers im Osten war, forderten manche, man solle die Fremde zurückschicken. Aber Otto der Große behielt sie, vermählte sie mit seinem Sohn und schenkte ihr Güter zu eigenem Nutzen.
(Seite 15)

Theophanu

Kurz nach Mittag schweben die letzten Flocken zu Boden, die weißen Bergkämme werden sichtbar, der wolkenverhangene Himmel darüber. Der Schnee knirscht unter Theas und Otto medius´ Schuhen, als sie den Hang hinter dem Lager hinaufsteigen. Es wachsen keine Bäume hier, es ist zu kalt, zu trocken. „Du hast mit ihm über mich gesprochen?„, fragt Thea aufgebracht. „Er macht sich Sorgen um dich„, verteidigt sich Otto medius, „und um Adelheid.„ „Ich dachte, er sei auf meiner Seite.„ „Sie ist seine Mutter„, wendet Otto medius ein. „Ich dachte, du seist auf meiner Seite„, entgegnet Thea erbost. „Er ist mein Freund; und er ist der Kaiser.„ Auch in Ottos Stimme schwingt ärger. Thea stapft weiter, den Blick auf den schneeverkrusteten Felshang vor ihr gerichtet. „Ich werde nicht länger als drei Tage in Pavia bleiben„, meint sie nach einer Weile trotzig. „Konrad von Burgund und Maiolus von Cluny haben alles vorbereitet.„ „Ich weiß„, entgegnet sie ungeduldig. „Der Kaiser wird auch in deinem Namen sprechen. Du musst gar nichts tun„, versucht Otto medius sie zu beruhigen. „Ich kann für mich selbst reden„, fährt Thea ihn an. Wortlos steigen sie höher. „Entschuldige„, sagt sie etwas atemlos, als sie nach einiger Zeit einen Felsvorsprung erreichen. „Seit Maria gestorben ist –„ „Maria?„ „Meine Tochter, die Zwillingsschwester von Otto minimus„, erklärt Thea wieder gereizt. „Verzeih.„ Otto schaut sie an. „Seit Maria gestorben ist„, beginnt sie von neuem, aber sie kommt nicht weiter. Otto medius wirft einen Blick auf das Lager zurück, sie sind noch immer zu sehen von dort. „Seit Maria gestorben ist?„, fragt er und steckt die Hände in seine ärmel. „Ihr Tod lässt mich nicht los. Er liegt auf jedem Gedanken, auf allem, was ich tue. Manchmal, wenn ich am Morgen erwache, merke ich, dass ich es vergessen habe, und dann packt mich die Schuld.„ „Es ist niemand schuld„, unterbricht Otto sie. „Ich habe meine Mutter verloren, als ich ein Kind war, all meine Verwandten, als ich Konstantinopel verließ, den alten Kaiser, der wie ein Vater zu mir war, und mein erstes Kind, noch bevor es zur Welt kam.„ Otto erinnert sich genau an Theas erste Schwangerschaft und die Fehlgeburt. „Aber nichts hat mich so getroffen wie Marias Tod„, fährt Thea fort. Otto schweigt. „Sie war ein Stück von mir„, Theas Stimme bricht. „Das ist sie noch immer„, sagt Otto sanft. „Sie lebt in dir, und du lebst für sie.„

Thea lässt die Tränen über ihre Wangen laufen, während sie weiter den Hang hinaufsteigen. Er ist so steil, dass sie sich an den Felsen festhalten müssen. Die Sonne drückt durch die Wolken und überzieht den Schnee auf den Bergkämmen mit einem Glitzern. „Weißt du noch, wie wir damals an dem See rasteten?„, fällt Thea plötzlich ein. Im Sommer nach ihrer Hochzeit in Rom war der kaiserliche Hof über die Alpen in den Norden gezogen. Nach einem schweren, aber raschen Aufstieg hatte ihr Schwiegervater einen Ruhetag angeordnet, und sie hatten ihr Lager auf einer Alpwiese zwischen zwei Seen aufgeschlagen. „Ich hatte nie zuvor ein solches Blau gesehen„, erinnert sich Thea. „Die Luft ist klarer hier oben„, erklärt Otto medius. „Du versprachst, mir das ewige Eis zu zeigen, wenn wir wiederkämen„, meint sie, ohne ihn anzuschauen. Otto medius antwortet nicht. Thea schiebt ihre Hand in seine.

Die Kanten des Felsens, gegen den Thea lehnt, drücken in ihren Rücken; es fühlt sich wie eine Liebkosung an. Das Verlangen in ihrem Körper ist zu einem Summen geworden. Die Wolken haben sich gelichtet, das Blau des Himmels ist so tief wie das der Seen damals. Thea schließt die Augen und wünscht sich, es unter ihren Lidern bewahren zu können. „Wir müssen zurück„, meint Otto, ohne sich aus ihrer Umarmung zu lösen. „Du wirst mir das ewige Eis das nächste Mal zeigen„, sagt Thea mit geschlossenen Augen, und er drückt sie einen Augenblick an sich. Während sie ihre Kleider in Ordnung bringen, treten sie hinter dem Felsen hervor, der sie von den Blicken schützte. Otto medius´ Züge sind mit einem Mal hart. Auch Thea betrachtet das Lager auf der Passhöhe unten. In einem der Zelte liegt ihr Mann, in einem andern ihr Sohn. „Ich werde Adelheid um Verzeihung bitten„, erklärt sie, als sie nebeneinander den Hang hinabsteigen. „Ich werde mich Ottos Mutter zu Füssen werfen, wenn es nötig ist.„
(Seiten 54 - 57)

Otto
Capo Colonna, 13. Juli 982

Die Speerspitzen funkeln wie das Wasser. Es sieht aus, als habe das Meer die Feinde an Land gespült, und es scheinen immer mehr zu werden. Otto und seine Leute haben die Bergfeste von Cotrone vor dem Emir erreicht und sie eingenommen. Von dort rückten sie gegen die Sarazenen aus, die auf einem Kap südlich der Stadt Stellung bezogen hatten. Von seinem Aussichtpunkt auf der Anhöhe mustert Otto seine Truppen auf den Hügeln ringsum: Konrad, Richar, Berchthold, Otto, Bezelin – die Luft flimmert über ihren Köpfen. Otto spürt die Erregung auf seiner Haut. Mit einem kleinen Ruck hebt er den Arm zum Angriff. Unendlich langsam setzten sich die Züge in Bewegung und gleiten die Hänge hinab. Lanzen, Helme, Schwerter; die Sarazenen rühren sich nicht. Die Luft ist von Geschrei erfüllt; in Otto ist es totenstill. Er erinnert sich an den Morgen im Wald von Memleben. Er hatte eine Hirschkuh auf einer Lichtung aufgespürt, die er erlegen wollte. Im letzten Moment hob sie den Kopf und statt in den Hals traf er sie in die Schulter. Sie flüchtete ins Gebüsch. Gleich darauf kam die Nachricht, sein Vater sei tot. Bis heute sieht Otto das blutende Tier durchs Unterholz straucheln, mit Schaum vor dem Mund verenden. Ein Pfeilschwarm sirrt durch die Luft, die Sarazenen stehen unverrückt, die kaiserlichen Soldaten sind nur noch Schritte von ihnen entfernt. Da ist das Gesicht seines Sohnes, die runden Wangen, das helle Haar. Die Gewissheit trifft Otto wie ein Schlag: er wird ihn nicht wiedersehen. Ein dumpfes Heulen schallt aus der Ebene herauf, und Otto braucht einen Moment, bis er begreift, dass es aus menschlichen Kehlen kommt. Eine Woge hat die feindlichen Speere erfasst, die Reihen lichten sich, brechen auseinander. Im Innern des arabischen Heeres bildet sich ein Kreis. Dort hat Otto zu Beginn der Schlacht den Emir auf seinem goldgepanzerten Schimmel ausgemacht. Ein Ruf löst sich aus dem Heulen. Das sind seine eigenen Leute. „Qasim ist tot!„ Otto zieht die staubige Luft ein. „Herr im Himmel ...„, beginnt er, und seine Stimme zittert vor Freude.

Mit prüfendem Blick trabt Otto medius zwischen den Soldaten hindurch. Ihre Gesichter sind schweißbedeckt, einige helfen den Verwundeten, andere untersuchen die Waffen, die die Sarazenen auf dem Schlachtfeld zurückgelassen haben, Säbel, Speerspitzen; an manchen klebt Blut. Einer versucht, einen prachtvollen, schwarzen Hengst zu bändigen, aber das Tier bäumt sich immer wieder auf. Es riecht nach versengtem Leder. Auf der Anhöhe zügelt Otto sein Pferd neben dem des Kaisers. „Wir haben kaum einen Mann verloren„, meldet er. „Wie die Hasen sind sie geflüchtet„, grinst der bärtige Jakob. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach sein würde„, gesteht Otto medius, „bei aller Zuversicht.„ Der Kaiser schweigt. „Wisst Ihr, wessen Lanze den Emir traf?„, erkundigt sich Hildibold, den erst die Siegesnachricht aus dem Heerlager gelockt hat. „Es war ein Pfeil„, erklärt Otto medius. „Einer von Mansos Schützen hat ihn in den Hals getroffen.„ „Der Grieche sagt, es sei eine Mahnung Gottes.„ Bernward hat sich mit Johannes Philagathos zu ihnen gesellt. Die Wangen des Notars glühen von der Aufregung der Schlacht. Johannes sitzt unsicher auf seinem Pferd. Otto blickt ihm ins Gesicht. „Eine Mahnung Gottes?„ Für einen Augenblick sieht er die Hirschkuh vor sich. „Dass Ihr den eingeschlagenen Weg weitergehen sollt„, beginnt Bernward, doch Philagathos fällt ihm ins Wort: „Dass Ihr Italien von den Heiden befreit und Eurem Reich einverleibt.„ Wie rasch der Mönch Deutsch gelernt hat. „Das ist der Wille Gottes. Gelobt sei der Herr.„ Die Männer bekreuzigen sich. Otto medius prüft den Stand der Sonne. „Es ist erst Mittag. Wir können das Lager abbrechen und noch vor Einbruch der Dämmerung in die Bergfeste zurückkehren.„ „Entgegen der Mahnung Gottes?„, fährt der Kaiser ihn an. Otto medius zuckt zusammen. Sein Mund beginnt sich zu einem Grinsen zu verziehen, doch die Miene des Kaisers bleibt starr. „Wir werden den eingeschlagenen Weg weitergehen„, erklärt er feierlich. „Wohin? Der Emir ist tot, seine Leute geflohen. Schau dich um„, Otto medius deutet auf die verwüstete Ebene. Am Strand sind noch vereinzelt Araber zu sehen, die Verwundete tragen, die Habe ihrer Gefallenen einsammeln. Der tote Abu al-Qasim ist von seiner Leibgarde in ein Boot geladen und aufs Meer hinausgerudert worden. Die beleibten Männer in ihren farbigen Umhängen erinnerten den Kaiser an Theas Astrologen, und er fragte sich, ob sie alle beschnitten waren. „Wir werden so lange nach Süden ziehen, bis wir sicher sind, dass die Heiden unser Land verlassen haben und auch das letzte Dorf weiß, welchem Kaiser es untersteht.„ „Romanorum imperator augustus„, sagte Johannes Philagathos leise, und Bernward wiederholt es laut. „Aber das kann Wochen dauern, Monate„, wendet Otto medius ein, „in diesem unübersichtlichen Gebiet.„ Er deutet auf die von braunem Dickicht bedeckt Hänge, die sich der Küste entlangziehen. „Und unsere Kundschafter sagten, das Heer des Emirs sei größer. Er habe auch Bogenschützen, Reitertruppen –„ „Wir ziehen nach Süden„, herrscht der Kaiser ihn an. „Aber –„ „Das ist der Befehl des römischen Kaisers.„ Seine Stimme überschlägt sich. „Ich werde dafür sorgen, dass Euer Heerlager abgebrochen wird, und Euch dann folgen„, erklärt Otto medius mit einer kleinen Verbeugung und wendet sein Pferd.
(Seiten 100 – 104)

Adelheid
Pavia, Anfang April 984

„Erzbischof Willigis schreibt, Ihr sollt in Italien bleiben.„ Thea nimmt Hildibold den Brief aus der Hand. „Da.„ Sie reicht ihn Mathilde, die eben die Kanzleistube betritt. Seit Tagen arbeiten sie an den Vorbereitungen für ihre Rückkehr. Eine leichte Röte überzieht das Gesicht der äbtissin, während sie liest. „Was heißt das?„ fragt Thea ungeduldig. „Nun„, Mathilde zögert, „es ist noch zu früh.„ „Aber Willigis schreibt, viele der Fürsten hätten Quedlinburg verlassen, weil sie den Eid, den sie in Aachen meinem Sohn geleistet haben, nicht brechen wollten. Die Franken und die Sachsen, die zu uns stehen, haben sich verbündet, Konrad von Schwaben ist auf unserer Seite und auch Hezilo, der Liutpoldinger, den wir in Verona mit dem Herzogtum Bayern belehnt haben.„ Und Otto von Worms, denkt Thea, ohne es zu sagen, und versucht seinen grauen Schopf aus ihrer Erinnerung zu schieben. „Worauf wartet Willigis noch?„ „Die Fürsten wollen einen starken Herrscher.„ Mathilde dreht den Brief in ihren Händen. „Kein Kind?„, fragt Thea. Mathilde schweigt. „Keine Frau?„, bohrt Thea weiter. Hildibold blinzelt. „Keine Fremde„, stellt sie fest. „Wenn du mit meiner Mutter ...„ Der Feind in der Nähe, Thea wendet sich ab. „Ohne meine Mutter hätte Adalbero Lothar nicht dazu gebracht, Otto als König zu anerkennen„, meint Mathilde sanft. Thea tritt ans Fenster. „Auch bei Karl von Lothringen hat sie sich für deinen Sohn eingesetzt„, fährt die Schwägerin in ihrem Rücken fort. „Und die Italiener betrachten sie immer noch als ihre Herrscherin.„ Auf den Bäumen im Garten liegt ein grüner Hauch; es ist Frühling geworden. „Meine Mutter hat mehr für ihren Enkel getan als je für ihren Sohn.„ Thea sieht Irene mit Tilda aus der Küche kommen. Die beiden streiten sich, das Gesicht des Kindes ist zornverzerrt. „Und sie hat dich bei sich aufgenommen„, fügt Mathilde hinzu. Tilda stampft mit dem Fuß. „Wenn ihr nun gemeinsam ...„ Irene lässt das Kind stehen und geht davon. Tilda reckt den Kopf ein wenig, dann läuft sie hinter Irene her. Thea seufzt; ihre Tochter gleicht ihr tatsächlich.

Thea blickt auf ihre Hand, als sie vor der Tür steht, und einen Augenblick lang glaubt sie, sie könne nicht klopfen. „Ja!„ Die Stimme, die ihr antwortet, klingt brüchig. Ihre Schwiegermutter kniet vor einem Bild der heiligen Jungfrau. Thea betrachtet den gebeugten Rücken der Betenden, die knochigen Schulterblätter unter der Kutte, die graue Haarsträhne, die in einer Falte des Nackens klebt. Nach einer Weile bekreuzigt sich Adelheid und beginnt sich an dem Stuhl, der neben ihr steht, hochzuziehen. Im ersten Moment will Thea ihr helfen, doch sie tut es nicht. Mit einem ärgerlichen Stöhnen lässt Adelheid sich auf dem Stuhl nieder und zieht ihre Kutte zurecht. Dann erst hebt sie den Kopf und blickt Thea ins Gesicht. „Ich.„ Das ist das falsche Wort. Thea räuspert sich, sie will nicht von sich sprechen. „Mein Sohn und ich„, beginnt sie nochmals. Adelheid starrt sie an, ihre Augen sind blasser als früher. „Wir schulden Euch großen Dank für das, was Ihr seit dem Tod meines Gatten, Eures Sohns, für uns getan habt.„ Um Adelheids Mund zuckt es ungeduldig. Mit einem kleinen Ruck kniet Thea nieder und fasst nach dem Saum der Kutte. „Wir bitten um Euren Segen„, sie hält den Kopf gesenkt, „und um Euren Beistand.„ Thea glaubt das grobe Tuch, das sie zwischen den Fingern hält, auf ihrer Zunge zu spüren. „Euren Beistand„, wiederholt sie. Wieder erklingt ein ärgerliches Stöhnen. Thea wünscht, Otto wäre hier; er würde ihr helfen. „Damit wir gemeinsam gegen den Vormund meines Sohnes –„ Ein Klopfen unterbricht sie, im nächsten Moment steht eine von Adelheids Hofdamen neben ihr. Thea rappelt sich auf, und zu ihrem Erstaunen überreicht die Frau ihr und nicht der Schwiegermutter den Brief, den sie bringt. Thea erkennt Bernwards Schrift. Man hat ihn nach Magdeburg geschickt, um von dort zu berichten, und da sein Onkel Folkmar den roten Heinrich unterstützt, hat er schon einiges in Erfahrung gebracht. Thea stutzt, liest nochmals. „Er hat Ada!„ Sie lässt den Brief sinken. „Heinrich hat Ada aus Quedlinburg weggebracht, und nun ist sie auf der Burg des einäugigen Ekberts.„ Die Schwiegermutter rührt sich nicht. „Adelheid, meine Tochter, Eure Enkeltochter, bei dem Halunken, der mit Heinrich zusammen in Utrecht in Haft saß.„ Theas Stimme überschlägt sich. Langsam erhebt sich die alte Kaiserin und erteilt mit leiser Stimme Befehle. Thea hört nicht hin. Sie sieht ihre Tochter in einem dunklen Verlies. Die Hofdame entfernt sich. Kurz darauf erscheint Hildibold und etwas später Mathilde, die äbtissin von Quedlinburg, weiß vor Zorn.
(Seiten 169-172)

Mathilde

„Entspringe, Gefangener, den Banden, entflieh den Feinden.„ Lachend hebt Irene den Vierjährigen hoch. Thea greift nach ihrem Sohn und setzt ihn vor sich in den Sattel. Das Kind jauchzt, als die Stute sich aufbäumt und davongaloppiert. Die anderen Pferde drängen sich durch das geöffnete Gatter und jagen ihr nach. Irene nimmt den türkisfarbenen Schal ab, faltet ihn und steckt ihn in ihren Beutel. Während sie durch das Schilf zurückgeht, hört sie die Rufe der Wachen, die das leere Gehege entdeckt haben. Die Pferde werden sich in den Auen zerstreuen. Als Irene den Hügel von Rara erreicht, steht Mathildes Wagen vor der alten Königspfalz.

„Und?„ Irene stürmt ins Zimmer. Thea und Mathilde sitzen lachend auf dem Bett. „Ja!„ Die beiden Frauen nicken. „Der Kleine?„ „Gesund und munter„, erklärt Mathilde. „Außer, dass er wie ein Hund riecht„, meint Thea. „Line hat ihn gleich ins Waschhaus gebracht.„ „Und der Herzog?„, fragt Irene weiter. Mathilde prustet los. „Der Herzog.„ Sie verdreht die Augen. „Also, der Herzog hat sich außerordentlich über meine unerwartete Aufwartung, wie er es nannte, gefreut. Ihr hättet sein Zelt sehen sollen. Bis in den letzten Winkel war es mit Plunder gefüllt, Krüge, Schalen, Kerzenständer, Prozessionsschwerter, die er wohl irgendwo mitlaufen ließ, und auf dem Boden waren so viele Decken übereinander gebreitet, dass man kaum gehen konnte. Er selbst trug einen blauen Mantel diesmal, mit goldenen Rauten bestickt, dass einem fast schwindlig wurde, eine rote Tunika darunter und grüne Strümpfe, die er mit goldenen Lederriemen hochgebunden hatte, und auf dem Kopf eine Mütze, von der Hermelinschwänze baumelten, trotz der Hitze.„ Die Frauen kichern. „Er bot mir seinen Sessel an, eine Art gepolsterten Thron, den er offenbar auf all seinen Reisen mitführt, und als wir allein waren, begann er wie eine Elster um mich herumzuhüpfen, schenkte mir Honigwein ein, so süß, dass ihm selbst die Zunge am Gaumen kleben blieb, pries meine Schönheit, meine Klugheit, die Näherinnen meines Kleides.„ „Und du?„, fragt Thea. „Was hast du gesagt?„ „Nichts. Ich ließ ihn reden und versuchte seinem nassen Atem auszuweichen. Je länger ich ihn hinhalten konnte, dachte ich, umso mehr Zeit habt ihr. Und ich hatte die neugierigen Soldaten vor dem Zelt gesehen; die würden nicht so rasch auf ihre Posten zurückkehren. Erst als Heinrich sich über mich beugte, um eine Bremse, die sich, wie er sagte, in meinem seiden schimmernden Haar verfangen hatte, zu entfernen, sprang ich auf; aus Schreck über die Fliege natürlich„, zwinkert Mathilde, „und dabei stieß ich meinen Becher mit dem Honigwein um, den ich auf die Armlehne des Sessels gestellt hatte.„ „Und dann?„ Thea und Irene hängen an ihren Lippen. „Es war wirklich sehr ungeschickt von mir. Denn weil der Herzog so nahe stand, lief ihm der Wein über die Tunika. Also über den unteren Teil seiner Tunika – da etwa.„ Mathilde deutet auf ihren Schoss. „Natürlich entschuldigte ich mich sehr„, erzählt Mathilde weiter, nachdem die drei Frauen sich vom Lachen erholt haben. „Ich bat ihn, nach heißem Wasser zu schicken, um den Fleck auszuwaschen. Aber das wollte der Herzog nicht. Während ich zu berichten begann, wie wir uns nach dem Tod meines Bruders in Pavia zusammengefunden und mit Willigis vereinbart hatten, ihn zu bitten, uns den kleinen Otto zur Erziehung zu übergeben, rieb er mit einem Wolltuch an dem Fleck herum. Aber es wurde immer schlimmer, die weißen Fusseln blieben kleben.„ Wieder packt ein Lachkrampf die Frauen. „Kurz„, Mathilde versucht sich zu fassen, „als jemand rief, die Pferde seien ausgebrochen, ließ mich der Herzog stehen und rannte aus dem Zelt. Es hinderte mich niemand daran, in den Wagen zu steigen und zurückzufahren.„ Die Frauen schweigen zufrieden. „Danke„, sagt Thea nach einer Weile. „Es war ein Vergnügen„, lacht Mathilde. „Danke Euch beiden.„ Pferdegetrappel erklingt auf dem Platz, Irene ist sofort am Fenster: „Der Herzog!„ Thea und Mathilde blicken sich an. „Das ging aber schnell„, meint die äbtissin.
(Seiten 187-189)

Der Astrologe

Mit schmeichelndem Schnurren besänftigte die Löwin die Rivalen, und sie taten, was der Basileia gefiel, als wäre es ihr eigenes Verlangen. Gewiss würde die Einmut nicht von Dauer sein, zu gierig waren die Gandersheimer Frauen, dem Reich unmittelbar zu unterstehen, und als Bischof Osdag keinen Monat später starb, redeten manche von Gift. Die Kanonissinnen würden weiter versuchen, die Bande des Bistums abzusteifen, und es würde sich nicht immer eine so gewandte Schlichterin finden. An diesem Nachmittag aber tafelten der Erzbischof von Mainz und der Bischof von Hildesheim einträchtig nebeneinander, und alle freuten sich an der neuen Kanonissin, die dem Konvent zeitlebens die königliche Gunst sichern würde. Denn keine der drei Schwestern stand Otto so nahe wie Sophia. Obwohl sie sich bis anhin kaum begegnet waren, verstanden sie sich ohne Vorbehalt, und wenn ich sie beisammen sah, fragte ich mich manchmal, ob unser König seinen Zwilling wiedergefunden habe, so sehr glichen sich die Geschwister in der Erscheinung. In ihrem Wesen aber waren sie ein Spiegel ihrer Eltern, das Mädchen gleich der Mutter im Zeichen des Löwen geboren, stark und mutig, der Junge, wenn nicht wie der Vater in dem des Steinbocks, so doch im Krebs, empfindlicher und weniger gelassen, aber so wehrhaft mit seinen Scheren wie der gehörnte Ziegenfisch. Sophia würde sich nicht begnügen, zum Gedenken an Verstorbene im Chor der Siftsfrauen zu singen und in Prozessionen durch die Stadt zu ziehen, und Otto war stark genug, auf ihren Rat zu hören und ihm zu folgen. Gemeinsam würden sie unbezwingbar sein, und auch die Basileia erkannte das. Die Herbstsonne, die an diesem Tag so unverhofft auf Gandersheim schien, musste die Kaiserin an die milden italienischen Winter erinnern, denn sie beschloss, sogleich nach der Weihe aufzubrechen, obwohl vieles noch nicht geregelt war. Anstatt wie geplant, mit ihren Sohn nach Rom zu ziehen, ließ sie ihn unter Willigis´ Aufsicht und in Bernwards Pflege zurück. Sie würde die italienischen Verbündeten um sich scharen, den Weg für die Kaiserkrönung des dritten Ottos ebnen, teilte ihr Kanzler den Fürsten mit, und diese rühmten ihre Weitsicht. Ich wusste wohl, dass ihre Reise auch einem andern galt.

Doch diesen Weg musste die Basileia allein gehen. Ich konnte sie nicht begleiten, und gnädig entließ sie mich. Mein Leib war von Anstrengung und Alter geschwächt, er hätte es nicht ausgehalten, noch einmal über die Alpen gezerrt zu werden, und mein Herz hätte es nicht ertragen, den Duft des Landes wieder zu riechen, in dem ich einst glücklich war. So kehrte ich mit dem Hofstaat des Königs nach Mainz zurück, wo der Statthalter und Stellvertreter der Basileia an seinem mächtigen Dom baute, und die Juden mit ihren Waren auch Nachrichten aus Italien erhielten, um meiner Herrin auf diese Weise wenigstens nahe zu sein. Der Herbst ließ die Wälder in Gold und Purpur leuchten, wie er es nur hier im Westen tut, und ich wusste, dass ich es zum letzten Mal sah.
(Seiten 241-243)

Im Zeichen des Löwen geboren hatte Theophanu, die Nichte des Kaisers von Konstantinopel, ihre Heimat verlassen, um an der Seite des jüngeren Otto, des zweiten, über das Reich der Franken zu herrschen. Allen Verleumdungen zum Trotz behauptete sie sich – nicht ganz ohne mein Zutun. Denn ich, Stephanos der Astrologe, war der einzige, der sie aus dem Osten hierher begleitet hatte.

„Die griechische Kaiserin„ nannten die Franken sie nun, mit Achtung und Verachtung zugleich, und sie blieb eine Fremde. Aber sie verstand es unterm Gestirn der großen Bärin, Ererbtes mit Erfahrenem zu verbinden, zum Nutzen des Reichs, und sie zahlte den Preis ihres Gelingens ohne Bitterkeit. Glück ist nie mehr als ein Augenblick, doch was wir in einer Form verlieren, finden wir in einer anderen wieder, und die Zeit, so sagen sie hier, führt uns in Spiralen auf neuer Bahn immer wieder an denselben Ort zurück.
(Seite 7)